Exponentielle Lösungen für ein exponentielles Problem

Interview mit Jon Ely, Leitung der Philanthropie bei der Ellen McArthur Foundation über die Initiative „New Plastics Economy“ und die Transition hin zur nachhaltigen Kreislaufwirtschaft.

Über die Ellen MacArthur Foundation

Die Ellen MacArthur Foundation wurde 2010 gegründet, um den Übergang in eine Kreislaufwirtschaft zu beschleunigen. Mit ihrer Initiative „The New Plastics Economy“ möchte die Stiftung dazu beitragen, systemische Blockaden in der globalen Kunststoffwirtschaft zu lösen, die kein einzelner Akteur allein bewältigen kann. Die Initiative setzt auf eine neue Denkweise, bei der Kunststoffe als effektiver Materialfluss in einer Kreislaufwirtschaft gesehen werden. Die Initiative strebt eine Veränderung auf globaler Ebene an. Dementsprechend gilt sie als der globale Bezugspunkt für eine Kreislaufwirtschaft für Kunststoffe und wird von Industrie, NGOs und Regierungen gleichermaßen als vertrauenswürdige Drehscheibe mit einer einzigartigen Rolle bei der Katalyse der Transformation in diesem Sektor angesehen.

Warum hat die Ellen MacArthur Stiftung entschieden, sich auf Kunststoffverpackungen zu fokussieren?

Kunststoffverpackungen sind ein unverzichtbarer Bestandteil des heutigen Wirtschaftssystems, da sie kostengünstig, bequem und mit einer Reihe wertvoller funktionaler Eigenschaften ausgestattet sind. Wegen des geringen Gewichts und der ausgezeichneten Barriereeigenschaften, können durch Kunststoffverpackungen CO2-Emissionen und Lebensmittelabfälle reduziert werden. Daher ist Plastik als Verpackungsmaterial unumgänglich, das spiegelt sich auch in der Größe der Kunststoffverpackungsindustrie wider. 2013 wurden 78 Millionen Tonnen Kunst-stoffverpackungen (etwa 26 Prozent der gesamten Kunststoffproduktion) auf den Markt gebracht, mit einem Gesamtwert von 260 Milliarden US-Dollar. Bis 2020 wird das Volumen auf 108 Millionen Tonnen geschätzt.

Da sie jedoch einem überwiegend linearen Modell folgt, hat die derzeitige Kunststoffverpackungswirtschaft erhebliche Nachteile. Große Mengen (entsprechend einem Müllwagen pro Minute) finden jedes Jahr ihren Weg ins Meer. Kreisläufe wie Wiederverwendung (<1 Prozent), Recycling (~14 Prozent) und biologischer Abbau (<1 Prozent) pro Jahr haben nur niedrige Adaptionsraten. Kunststoff basiert zudem fast ausschließlich auf fossilen Brennstoffen als Rohstoff. Dieser lineare Ansatz führt zum Verlust von Wertstoffen und zu erheblichen Umwelt-verschmutzungen. Während Strandsäuberungen, Plastikverbote und das Herausfischen von Plastik aus dem Meer in jedem Fall notwendig sind, bekämpfen sie nur die Symptome des Problems und nicht die eigentlichen Ursachen.

Was ist das Ziel der Initiative „New Plastics Economy“?

Ziel ist es, Impulse für ein langfristig funktionierendes Kunststoffsystem zu geben, das auf den Prinzipien einer Kreislaufwirtschaft basiert. In einem solchen System werden unnötige Kunststoffteile entfernt und die verbleibenden Teile so konzipiert, dass sie durch Wiederverwendung, Recycling und Kompostierung im Umlauf bleiben. Ein Ansatz dieser Art befasst sich mit den Ursachen des Problems. Nur so kann sichergestellt werden, dass Plastik erst gar nicht in der Umwelt landet.

Die Initiative bringt wichtige Interessengruppen wie Unternehmen, Wissenschaftler, politische Entscheidungsträger, Designer und Innovatoren zusammen, um die Zukunft von Kunst-stoffen neu zu denken und zu gestalten – angefangen beim größten Einsatzbereich von Plastik: Verpackungen.

Was sind die wichtigsten Bausteine der Initiative?

In den ersten drei Jahren ging es primär um die erfolgreiche Einbeziehung von Interessengruppen, die Förderung von Innovationen und die Stärkung der Faktenbasis. Diese Bemühungen wurden durch ein wachsendes Verständnis für 15 wichtige Elemente gestützt, die erforderlich sind, um einen Systemwandel herbeizuführen. Dazu zählen die Mitgestaltung einer gemeinsamen Vision, die Gewinnung eines tiefen Verständnisses der Herausforderungen der derzeitigen Praktiken und die Mobilisierung von Schlüsselakteuren, einschließlich Unternehmen und Philanthropen.

Von Anfang an war es das Ziel, exponentielle Lösungen für ein exponentielles Problem zu finden. Die Initiative ist auf dem richtigen Weg, dies zu erreichen. Sie hat eine Teilnehmergruppe einflussreicher Akteure zusammengestellt, die sich um eine gemeinsame Vision bemüht haben, eine breite Anerkennung für ihre globale Führungsrolle erlangt und bereits konkrete Ergebnisse erzielen konnten.

Warum konzentriert sich die Initiative hauptsächlich auf Unternehmen?

Die Herausforderung der Kunststoffverschmutzung ist globaler Art und erfordert auch globales Handeln. Wir müssen unseren bisherigen Umgang mit Plastik grundlegend ändern. Das erfordert ein Umdenken in der Art und Weise, wie wir Kunststoffe gestalten, herstellen, verwenden und wiederverwenden. Deshalb sind wir überzeugt, dass die Bemühungen von den Unternehmen unterstützt werden sollten. Sie haben nicht nur viel zu gewinnen, sondern sind auch der Schlüssel zu vielen der notwendigen Maßnahmen. Sie haben die Möglichkeit, Veränderungen in Ausmaß und Tempo voranzutreiben.

Trotzdem gilt es zu betonen, dass jeder, der direkt oder indirekt an der Kunststoffwirtschaft beteiligt ist, zur Veränderung dieser beitragen kann, damit am Ende kein Kunststoff mehr in der Umwelt landet. Der Systemwandel kann daher nicht allein von der Industrie erreicht werden – Politik, Wissenschaft und Philanthropen spielen eine entscheidende Rolle. Die „New Plastics Economy“ ist ein starkes Beispiel für eine erstklassige Zusammenarbeit aller beteiligten Parteien, genau das macht letzten Endes den Erfolg aus.

Welche konkreten Maßnahmen hat die Initiative bisher ergriffen?

Der erste Bericht der „New Plastics Economy“ enthüllte die ernüchternde Prognose, dass es bis 2050 mehr Plastik als Fisch im Meer geben könnte, wenn wir nicht handeln. Derselbe Bericht stellt jedoch auch eine Vision vor, die auf den Prinzipien einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft basiert. Im folgenden Jahr veröffentlichte die Initiative einen zweiten Bericht, in dem es darum ging, wie diese Vision umgesetzt werden kann.

Wir haben einen mit 2 Millionen US-Dollar dotierten Innovationspreis ins Leben gerufen, der durch die Auszeichnung neuer Lösungen im Verpackungsbereich wichtige Impulse setzen sollte. Die Preisverleihung erreichte mehr als 100 Millionen Menschen und inspirierte andere dazu, ähnliche und noch größere Initiativen zu organisieren. Darüber hinaus sind die Gewinner nun Teil eines einjährigen Programms, um ihre Erfindungen im großen Stil marktfähig zu machen.

Im vergangenen Jahr konnten wir beobachten, wie 15 große internationale Unternehmen, die gemeinsam rund zehn Prozent des globalen Marktes für Kunststoffverpackungen ausmachen, die Vision der Initiative umgesetzt und sich ehrgeizig verpflichtet haben, alle ihre Kunststoffverpackungen bis 2025 wiederverwendbar, recycelbar oder kompostierbar zu machen. Auch auf politischer Ebene konnten bedeutende Fortschritte erzielt 16 werden, darunter die EU-Strategie für Plastik in der Kreislaufwirtschaft und der französische Fahrplan für die nationale Kreislaufwirtschaft: In diesen Fällen wurden wir als Stiftung von politischen Entscheidungsträgern zu Rate gezogen.

Darüber hinaus haben wir den „UK Plastics Pact“ mitbegründet, der von der britischen Wohltätigkeitsorganisation WRAP mit Unterstützung der britischen Regierung geleitet wird. Sie vereint 58 Unternehmen, die ehrgeizige Zusagen bis 2025 gemacht haben – darunter: Beseitigung problematischer und unnötiger Verpackungen, Recycling oder Kompostierung von 70 Prozent aller Kunststoffverpackungen und Verwendung von 30 Prozent recyceltem Inhalt in Kunststoffverpackungen. Wir arbeiten daran, weitere „Plastic Pacts“ auf der ganzen Welt zu etablieren. Der zweite soll in Kürze in Chile erarbeitet werden.

Welche Eigenschaften muss eine Stiftung besitzen, um bei einem solchen Vorhaben erfolgreich zu sein?

Philanthropie spielt eine entscheidende Rolle bei der Förderung des Übergangs zu einer Kreislaufwirtschaft. In diesem Zusammenhang lassen sich vier Hauptbereiche unterscheiden.

Finanzierung – ein kollaborativer Ansatz für Finanzierungsinitiativen hat sich als sehr erfolgreich erwiesen.

Expertise – Stiftungen haben ein tiefes Verständnis für Themenbereiche, die im Rahmen einer breiteren Zusammenarbeit von hohem Wert sein können.

Netzwerk – eine beispiellose Zusammenarbeit ist entscheidend für den Strukturwandel, daher sind die hochwertigen Netzwerke der Stiftungen und ihre Fähigkeit, Akteure branchenübergreifend zu vernetzen und zu engagieren, sehr wertvoll.

Systemischer Ansatz – komplexe Herausforderungen erfordern immer komplexere Lösungen, die am besten durch eine robuste, aber flexible Finanzierungsstruktur unterstützt werden, welche schließlich einen unternehmerischen Ansatz fördert. Stiftungen müssen eine gewisse Risikobereitschaft haben.

Was sind die Zukunftspläne der „New Plastics Economy“ Initiative?

In den nächsten sieben Jahren wird die Initiative „New Plastics Economy“ auf ihren bisherigen Erfolgen aufbauen und in eine neue kritische Phase eintreten, die von 2019 bis 2025 läuft. Der derzeitige Ansatz des Systemwandels wird weiterhin im Mittelpunkt der Strategie der Initiative stehen, die darauf abzielt, die wichtigsten Teile der Wertschöpfungskette mit einer ausgeprägten Kombination aus Vision und Ambition zu beeinflussen.

Die Initiative konzentriert sich vor allem auf die Erhöhung des Engagements der Unternehmen, einschließlich der aktiven Steuerung und Überwachung der Fortschritte bei der Umsetzung. Sie wird auch Regierungen stärker einbeziehen, um industrietaugliche Lösungen zu entwickeln. Schließlich wird sie darauf abzielen, in Zusammenarbeit mit den wichtigsten Akteuren der Zivilgesellschaft, das öffentliche Bewusstsein für das Ausmaß und die Art der Lösungen zu schärfen, die erforderlich sind, um echte Auswirkungen zu erzielen.

Kurzfristig streben wir die Gründung einer beispiellosen Koalition von Unternehmen und Regierungen an, die sich hinter den weltweit führenden Verpflichtungen der Kreislaufwirtschaft zur Bekämpfung von Plastikmüll zusammenschließt.