Risiken und Nebenwirkungen

Nicole Bendsen und Dr. Silke Megelski arbeiten als Expertinnen für Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und koordinieren die Arbeit der PREVENT Waste Alliance. Die PREVENT Waste Alliance ist eine internationale Multistakeholder-Initiative, die sich für den Aufbau einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft engagiert. Rund 300 PREVENT-Mitglieder aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft setzen sich gemeinsam dafür ein, dass Abfälle minimiert, Schadstoffe eliminiert und Ressourcen im Kreislauf geführt werden. Die Allianz wurde 2019 durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) lanciert. 

Ihr Gastkommentar ist ein differenzierter Blick auf die Gestaltung des Systems Plastik-Kompensation und die Voraussetzungen, unter welchen es positive Wirkung entfalten kann.

Kompensationszahlungen für Plastikabfall sind umstritten. Der Vorwurf des Greenwashing schwingt immer mit, wenn über Plastic Credits diskutiert wird. Das liegt auch an problematischen Begriffen wie dem der „Plastikneutralität“. Er suggeriert, dass Unternehmen durch kurzfristige Zahlungen ihren historischen Fußabdruck ausgleichen können. Das ist nicht möglich. Bereits eingetretene Umweltschäden durch Kunststoffabfälle sind größtenteils irreversibel.

Außerdem entsteht hierbei schnell der falsche Eindruck, dass die lokalen Umweltschäden, die durch Plastikmüll in einer bestimmten Region verursacht werden, durch die Sammlung in einer anderen Region ausgeglichen beziehungsweise „neutralisiert“ werden könnten. Im Gegensatz zum Kompensationsmarkt für CO₂-Emissionen kann die Plastikmüllverschmutzung in einem Land aber nicht durch Sammel- und Recyclingaktivitäten in einem anderen kompensiert werden.

Zudem steht die Plastik-Kompensation vor dem Dilemma, dass sie die Verschmutzung der Umwelt durch Plastikabfälle reduzieren möchte, jedoch zugleich keine Anreize setzt, Plastikabfall am Anfang der Wertschöpfungskette zu vermeiden.

Kritisch zu bewerten ist auch, dass sich manche Plastic-Credit-Systeme ausschließlich auf die Sammlung und Entsorgung von leicht recycelbaren und somit gut verkäuflichen Kunststoffabfällen konzentrieren, wie beispielsweise PET-Flaschen. Diese werden jedoch meist ohnehin durch Abfallsammler eingesammelt. In solchen Fällen fehlt nicht selten die wichtige Komponente der Zusätzlichkeit der Maßnahmen.

Kompensationszahlungen bergen zudem das Risiko, dass die daran beteiligten Unternehmen sich nur kurzfristig engagieren und eine langfristige, nachhaltige Verpflichtung ausbleibt. Weiterhin könnten Unternehmen durch den Kauf von Plastic Credits einem verpflichtenden System der erweiterten Produzentenverantwortung (EPR) aus dem Weg gehen oder sich – mit Verweis auf ihre Kompensationszahlungen – sogar dagegen aussprechen. Plastik-Kompensation birgt somit die Gefahr, lineare und nicht nachhaltige Produktions- und Konsummuster zu normalisieren.

Trotz dieser Risiken bietet die Plastik-Kompensation große Chancen in jenen Teilen der Welt, in denen es keine funktionierende Abfall-Infrastruktur gibt. Sie trägt beispielsweise dazu bei, dass Plastikabfälle, die nicht recycelt und verwertet werden können, aus der Umwelt entfernt werden. Ein weiterer Vorteil von Plastic-Credit-Systemen ist, dass sie kurzfristig etabliert werden können, während der Aufbau von EPR-Systemen komplex und langwierig ist. Kompensationsmechanismen haben somit das Potenzial, als Übergangsfinanzierung für den Aufbau von EPR-Systemen zu dienen.

Zu den Chancen der Plastik-Kompensation gehört auch ihr sozioökonomischer Zusatznutzen: Plastic-Credit-Systeme können über faire Löhne und neue Arbeitsplätze die lokale Wirtschaft fördern. Sie bieten eine Einkommensquelle für lokale Abfallsammler, die oftmals unter prekären und unsicheren Bedingungen arbeiten.

Wie müssen Kompensationsmechanismen gestaltet sein, damit sie die genannten positiven Wirkungen entfalten und Greenwashing verhindern? Die PREVENT Waste Alliance hat diese Diskussion mit ihren Mitgliedern aufgegriffen, zu denen sowohl Anbieter von Plastic Credits als auch potenzielle Kunden gehören. In der PREVENT-Arbeitsgruppe zu Plastic Credits war man sich schnell einig: Um Greenwashing zu verhindern, muss ein internationaler Rahmen für Plastic-Credit-Systeme geschaffen werden, welcher folgende Punkte sicherstellt:

─ Transparente Qualitätsstandards

Plastic Credits ist bislang kein geschützter Begriff. Im ersten Schritt müssen daher eine einheitliche Definition und transparente Qualitätsstandards geschaffen werden. Plastic-Credit-Anbieter sollten beispielsweise dokumentieren können, dass gesammelte Plastikabfälle ordnungsgemäß recycelt beziehungsweise entsorgt werden. Zudem sollten auch Arbeitsstandards für Abfallsammler (hinsichtlich Bezahlung, Sicherheit und Gesundheit) berücksichtigt werden. Im Sinne der Transparenz sollte die Vergabe von Plastic Credits und die Einhaltung von Standards durch externe Auditoren geprüft werden.

─ Kompensation als zusätzliche Maßnahme

Um Anreize für nachhaltige Produktionsmuster zu setzen und Greenwashing zu verhindern, sollten Plastic Credits nur an diejenigen Unternehmen verkauft werden, die nachweisen können, dass sie bereits andere substanzielle Maßnahmen zur Vermeidung von Plastikmüll ergriffen haben. Plastic Credits sind somit als ein zusätzliches Instrument zu sehen. Sie dürfen von Unternehmen nicht als Alibi genutzt werden, um Investitionen in die Kreislauffähigkeit ihrer Produkte zu umgehen oder hinauszuzögern.

─ Synergien zu EPR-Ansätzen schaffen

Kompensationsmechanismen müssen so gestaltet werden, dass sie nicht im Konflikt mit EPR-Systemen stehen, sondern Synergien schaffen und langfristig in EPR-Systeme integriert werden können. So sollte ein transparenter Anteil der Umsätze aus der Plastik- Kompensation in den Aufbau langfristiger Infrastrukturen fließen, zum Beispiel in Mehrwegsysteme. Mögliche Synergien bestehen auch im Bereich Daten und Monitoring: Über Plastic-Credit-Systeme können Daten zu Abfallmengen und zur Rückverfolgbarkeit von Abfall gesammelt werden, die auch für EPR-Systeme relevant sind.

Um den internationalen Austausch zur Harmonisierung von Plastic-Credit-Standards und zur Anschlussfähigkeit von Kompensationsmechanismen an EPR-Systeme zu fördern, bringt die PREVENT Waste Alliance verschiedene Standardsetzer zusammen. Erfahrungen aus Pilotprojekten und kritische Reflexionen der Plastic-Credit-Arbeitsgruppe sollen dazu beitragen, dass Plastic Credits in der internationalen Debatte aufgegriffen werden und eine geeignete Governance-Struktur etabliert wird. Im nächsten Schritt will die Plastic-Credit-Arbeitsgruppe spezifische Fallstudien erstellen: zur Koexistenz von Plastic Credits und EPR in verschiedenen Ländern und zu finanziellen Anreizstrukturen in Unternehmen, die sich an Plastic-Credit-Systemen beteiligen.

 

Zum Weiterlesen:

Diskussionspapier der PREVENT-Arbeitsgruppe zu Plastic Credits: Plastic credit schemes and EPR – risks and opportunities

Positionspapier des PREVENT-Mitglieds WWF, das die Hauptrisiken von Plastic-Credits-Systemen adressiert: WWF Position: Plastic Crediting and Plastic Neutrality

 

Erschienen im POLYPROBLEM-Themenreport Kauf Dich frei