Mit Plastikbudget zu weniger Kunststoffemissionen

Interview mit Jürgen Bertling, stellvertretender Leiter der Abteilung Nachhaltigkeits- und Ressourcenmanagement bei Fraunhofer UMSICHT im Interview zu Kunststoffemissionen.

Über Fraunhofer UMSICHT

Fraunhofer UMSICHT gestaltet die Energie- und Rohstoffwirtschaft mit. Seit etwa fünf Jahren beschäftigt sich das Institut in diesem Zusammenhang auch mit der Herstellung und der Anwendung von Kunststoffen in verschiedensten Arbeitsbereichen.

Herr Bertling, warum beschäftigt sich Fraunhofer UMSICHT mit der Thematik Kunststoff und den damit verbundenen Herausforderungen?

Weil wir sehen, dass es hier einen großen Bedarf an Innovation zur Bewältigung der Herausforderungen rund um Kunststoff gibt. Arbeitsschwerpunkte sind unter anderem Biokunststoffe sowie das Recycling von Kunststoffen. Da war es naheliegend, gemeinsam mit Partnern aus der Wirtschaft eine Metastudie umzusetzen. Der gewählte Titel „Kunststoff in der Umwelt: Mikro- & Makroplastik – Ursachen, Mengen, Umweltschicksale“ verrät, dass wir das Problem in Gänze wissenschaftlich fassbarer machen wollten.

Wo liegen Ihrer Meinung nach die derzeitigen Herausforderungen?

Es geht darum, die Emittierung zu vermindern und gleichzeitig die Bedingungen für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft zu verbessern. Für beides braucht es gebündelte Lenkungsmaßnahmen. Die derzeitig vorgeschlagen Maßnahmen adressieren häufig nur einen der Bereiche. Nehmen wir die von der EU-Kommission diskutierte Plastikmüllabgabe. Diese lenkt zwar Kunststoffströme von der energetischen Verwertung hin zum Recycling, sie wird aber keinen Beitrag zur Minderung von Kunststoffemission leisten.

Im Bereich der Kunststoffemissionen sehen wir eine der größten Herausforderungen bei Mikroplastik, das während der Nutzung durch Abrieb oder Verwitterung entsteht. Bisher liegt das Augenmerk auf absichtlich hergestelltem Mikroplastik, das sich zum Beispiel in Kosmetikprodukten befindet. Unsere Studie hat ergeben, dass eine der Hauptquellen von Mikroplastikemissionen der Abrieb bei Reifen ist.

Auch die derzeitige Datenlage ist problematisch. Bisher ist es kaum möglich, die Hauptquellen von Kunststoffemissionen, insbesondere von Mikroplastikemissionen, wirklich zu quantifizieren und in eine belastbare Rangliste zu bringen. Dies ist aber erforderlich, um die richtigen Maßnahmen zur Reduktion von Kunststoffemissionen zu treffen.

Welche Lösungsansätze braucht es Ihrer Meinung nach?

Für die Reduzierung von Mikroplastikemissionen sind designtechnische Innovationen gefordert. Wir plädieren vor allem für eine Qualitätssteigerung und die damit verbundene verlängerte Haltbarkeit der Materialien. Wenn ich zum Beispiel die Nutzungsdauer eines Reifens verlängere, vermindere ich den Abrieb. Das gleiche gilt für Fassadenfarbe. Auch hier gibt es bereits wichtige Lenkungsmaßnahmen, allerdings finden diese bisher nur auf nationaler Ebene, unter anderem in Frankreich und Schweden, und nicht auf EU – Ebene statt.

Bei wem sehen Sie die Hauptverantwortung für die Lösung der angesprochenen Herausforderungen?

Wir müssen verstehen, dass dies ein Problem mit geteilter Verantwortung ist. Es betrifft die Politik und Kommunen, die Wissenschaft und die Industrie, die Bürger und Bürgerinnen, sowie die Siedlungswasserwirtschaft und die Abfallwirtschaft. Jede dieser Akteursgruppen muss einen Beitrag leisten.

Welche Rolle könnte in diesem Zusammenhang Ihr Vorschlag eines Plastikbudgets spielen?

Wenn wir die Kunststoffemissionen dauerhaft reduzieren wollen, müssen wir eine Zielgröße definieren, auf die wir als Gesellschaft hinarbeiten können. Das Plastikbudget ist ein erster grober Versuch in diese Richtung.

Im ersten Schritt haben wir ein Maß definiert, auf das die Kunststoffemissionen reduziert werden müssen, damit nicht mehr Plastik in die Umwelt gerät als derzeit bereits vorhanden ist. Zukünftig dürfen die Emissionen die Abbauraten von Kunststoff in der Umwelt nicht übersteigen. Basierend auf zahlreichen Annahmen sind wir zu dem groben Ergebnis gekommen, dass wir die Plastikemissionen um den Faktor 27 senken müssen, um dieses Ziel zu erreichen. Jeder von uns muss seine jährlichen Kunststoffemissionen damit von 5,4 Kilogramm auf 200 Gramm senken. Dieses ambitionierte Ziel zeigt die hohe Bedeutung der Reduktion von Kunststoffemissionen auf, die wir mit der täglichen Nutzung von Produkten freisetzen. Nur so können wir verhindern, dass die Situation schlimmer wird.

Aber welche steuernde Funktion hat so ein Pro-Kopf-Budget?

Nur wenn ich eine Zielgröße habe, die ich erreichen muss, kann ich die Relevanz der einzelnen Maßnahmen für das Erreichen des Ziels bewerten. Ein Beispiel: Man könnte sagen, wir wollen, dass aus dem Klarauslauf der Kläranlage zukünftig statt 50 Partikel nur noch fünf Partikel in einer bestimmten Wassermenge herauskommen. Aber wenn man sich die Gesamtstoffstrommengen anschaut und die möglichen Wege, dann gibt es andere Stellen, wo man zuerst angreifen muss. Kurz: Das Budget hilft beim Setzen von Prioritäten.

Wo liegen die Prioritäten aus Ihrer Sicht?

Wir sollten auf jeden Fall nicht damit beginnen, den Ozean zu filtrieren. Auch wenn es immer wieder hübsche Bilder von Maschinen und Sammelstellen gibt, wird das nicht funktionieren. Effektiver ist es, weiter vorne anzusetzen. Sie sprachen von einer geteilten Verantwortung von Politik, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Wirtschaft.

Haben Sie das Gefühl, dass es insgesamt noch mehr
Koordination und Vernetzung braucht?

Nein. Vernetzung ist gut, wenn man tatsächlich etwas gemeinsam unternimmt. Diese ganzen Netzwerke und Cluster sind oft selbstreferenziell, und dann ist kaum noch Zeit und Geld fürs Arbeiten und Entwickeln der notwendigen Lösungen da. Ich habe nicht das Gefühl, dass genug getan wird, aber ich habe das Gefühl, dass es genug Netzwerke und Initiativen gibt. Aus meiner Sicht muss mehr zum Auffinden konkreter Lösungen getan werden. Ich bin ein Freund kleinteiliger Fördermaßnahmen, die konkrete Ergebnisse bringen.

Wie sollten fördernde Einrichtungen – also Stiftungen, Unternehmen oder auch Ministerien – denn am besten investieren, wenn sie zu der Lösung des Problems beitragen wollen?

Zum einen wäre es sinnvoll, das Bearbeiten spezifischer Forschungsfragen zu unterstützen, beispielsweise wie sich Abrieb und Verwitterung bei bestimmten Kunststoff- und Produktgruppen vermindern lässt. Eine zweite Sache wäre das Engagement der zivilgesellschaftlichen Ebene für ein verändertes Verhalten der Menschen. Man muss geschickte Wege finden, wie die Leute bestimmte Sachen einfach nicht mehr wegwerfen.

Tatsächlich? Unser Eindruck ist, dass es schon sehr viele Kampagnen für ein bewussteres Verbraucherverhalten gibt.

Stimmt, es gibt viele dieser Initiativen. Die Frage ist, ob es die richtigen sind. Das plastikfreie Leben oder vier Wochen ohne Plastik: Was da passiert, grenzt für mich stellenweise ans Lächerliche. Da wird alles miteinander vermischt und Plastik wird als Dämon, als toxisches Material dargestellt. Zielführend wäre es, Menschen dafür zu sensibilisieren, dass wir über einen Wertstoff reden, mit dem man tolle Sachen machen kann, der aber nicht in der Umwelt landen darf.