Eine Frage des politischen Willens

Interview mit Peter Borkey, Senior Policy Analyst bei OECD, über Herausforderungen im Bereich Plastik und Umwelt und Lösungsansätze aus der Politik.

Über die OECD

Das Ziel der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Organisation for Economic Cooperation and Development, OECD) ist es, eine Politik zu befördern, die das Leben der Menschen weltweit in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht verbessert. Als von Regierungen getragener Think Tank besteht die Aufgabe der OECD darin, vergleichende Politikanalysen zu erarbeiten und gute Beispiele zu identifizieren. Diese werden dann in Handlungsempfehlungen für die Regierungen übersetzt. Diese Rolle nimmt die OECD auch beim Thema Plastik ein.

Wo sehen Sie die größte Herausforderung beim Thema Plastik und Umwelt?

In Entwicklungsländern erkennen wir vollkommen andere Herausforderungen als in weit entwickelten Wirtschafträumen. In den entwickelten OECD-Ländern müssen wir infrage stellen, wie wir Kunststoffe nutzen und konsumieren. Wir müssen stärker als bisher erkennen, welche Verwendung von Kunststoff nicht produktiv und schlicht nicht notwendig ist. Und wir müssen schon in der Entwicklungsphase von Materialien und Produkten viel stärker berücksichtigen, dass wir mit den Produkten auch am Ende ihres
Gebrauchs sinnvoll umgehen können.

In sich entwickelnden Ökonomien ist das Problem viel grundlegender. Dort steigt der Konsum von Verbrauchsartikeln aus Plastik immens, ohne dass es geeignete Abfallmanagement-systeme gibt. Diese Länder könnten wahrscheinlich 90 Prozent des von ihnen verursachten Eintrags von Plastik in die Ozeane vermeiden, einfach indem sie Sammelsysteme installieren.

Wir reden also über völlig unterschiedliche Ausgangslagen. Entsprechend unterschiedlich fallen unsere Empfehlungen an die Regierungen aus.

Können Sie Beispiele für sinnvolle politische Maßnahmen in Industrienationen nennen?

Es gibt eine Reihe von Problemen, denen mit politischer Regulierung zu begegnen ist. Eines davon ist ein Qualitätsproblem, das dazu führt, dass viele Kunststoff-Materialien nicht oder nur schwer wiederverwertet werden können. Hier kann Politik Vorgaben machen. Ein weiteres Beispiel ist eine verbesserte Getrenntsammlung von Kunststoffen. Die ist in Deutschland weit verbreitet, aber in anderen entwickelten Ländern nicht, einschließlich den USA.

Jenseits dessen sind politische Maßnahmen möglich, die den Anteil von recyceltem Plastik im Verhältnis zu neu hergestelltem Material erhöhen. Dazu müsste der momentan bestehende Kostennachteil von wiederverwertetem Material überwunden werden. Wir müssen einen Markt erzeugen, in dem die Industrie beim Einsatz wiederverwerteter Materialien einen deutlichen Kostenvorteil gegenüber dem Einsatz von Primärplastik hat. Die Nachfrage nach recyceltem Material muss stärker werden. Und dann sind da noch
eine Reihe weicherer Maßnahmen wie die Einführung von Qualitätssiegeln und Standards.

Das klingt alles nicht sehr schwierig. Warum geschieht das nicht oder nur langsam?

Ich glaube, es gab bisher kein ausreichendes Bewusstsein. Das ändert sich gerade rapide. Jemand hat mal gesagt, das Plastik im Meer sei der neue Eisbär in der Umweltpolitik. Jeder kann jetzt sehen, was da geschieht. Verbraucher werden aufmerksam. Das wiederum hat Einfluss auf die Industrie. Unternehmen wie Nestlé riskieren die Beschädigung ihrer Marken, wenn sie nicht ernsthaft nach Alternativen für manche Verpackungen suchen. Dieses Risiko wiegt für die Firmen schwerer als die unter Umständen höheren Kosten. Da hat sich in kurzer Zeit viel verändert.

Kommen wir noch einmal auf die Entwicklungs- und Schwellenländer zurück. Wenn es dort in erster Linie um die flächendeckende Einführung von Abfallwirtschaftssystemen geht, wer sollte die Kosten dafür tragen? Die jeweiligen Regierungen? Die Unternehmen? Die Verbraucher? Oder sogar die internationale Gemeinschaft?

Nach dem OECD-Modell ist es essenziell, dass die Verbraucher über den Preis den Großteil der Abfallwirtschaft finanzieren. Nur so lässt sich ein Anreiz schaffen, weniger Müll zu verursachen. Müll, speziell der aus Plastik, erhält dann einen Wert.

Was halten Sie von der Idee eines Plastik- Budgets pro Person, um Menschen für ihren Verbrauch zu sensibilisieren?

Davon halte ich nichts. Das würde implizieren, dass Kunststoff generell schlecht ist und abgeschafft gehört. Fakt ist aber, dass Kunststoff auch viele Vorteile bringt und die Alternativen oftmals eine insgesamt schlechtere Öko-Bilanz haben. Vielmehr muss es uns darum gehen, besser zu kontrollieren, was mit dem Material am Ende seiner Nutzung geschieht.

Sehen Sie insgesamt wirklich funktionierende Lösungen?

Wir haben über den Werkzeugkasten gesprochen. Es ist einzig eine Frage des politischen Willens und der Finanzierung, ob er angewendet wird, oder nicht.

Was halten Sie für die bisher interessanteste politische Maßnahme?

Das Verbot von Einweg-Artikeln aus Plastik in einigen Ländern ist wirklich interessant. Aber es ist auch ein bisschen gefährlich, weil wir noch relativ wenig über die langfristigen ökonomischen und ökologischen Effekte wissen. Man muss aufpassen, dass man das verbannte Material nicht durch ein schlechteres ersetzt. Wir sehen in Frankreich, dass die sehr dünnen Tüten für Obst und Gemüse in Supermärkten durch Papiertüten ersetzt wurden. Deren Herstellung braucht zehnmal mehr Material und Wasser. Dann hat man das
Problem lediglich verschoben.

Wen sehen Sie in der Verantwortung, wenn es um die Beseitigung von Plastikmüll aus der Umwelt geht? Auch die öffentliche Hand? Den privaten Sektor? Oder die Start-Ups, die derzeit mit innovativen Ideen kommen?

Ich wünschte, es gäbe eine solche magische Technologie, die uns erlauben würde, den Ozean zu vertretbaren Kosten zu reinigen. Leider scheint das nicht der Fall zu sein. Gemeinden werden weiterhin ihre Strände aufräumen, weil sonst keine Touristen mehr kommen. Und vielleicht wird es eine Nische geben, und einige Firmenzahlen sehr viel Geld für Plastik, das aus dem Meer gefischt wurde. Aber das wird ein kleiner Tropfen im großen Meer von Plastik sein.

Eine letzte Frage: Wie kann sich eine Stiftung sinnvoll und wirksam in diesem Themenfeld, in dem ja schon sehr viele Akteure tätig sind, positionieren? Gibt es Probleme, die bisher nicht oder nicht hinreichend behandelt werden?

Ja, das Feld ist extrem stark besetzt, besonders was das Plastik in den Meeren angeht. Wo Stiftungen und ähnliche Organisationen wirklich einen Unterschied machen können, das ist der ganze Bereich der nachhaltigen Material- und Produktentwicklung. Unser Verständnis darüber, was das für unterschiedliche Produkte und Sektoren bedeutet, ist noch immer sehr begrenzt. In die Forschung nach Innovationsfeldern und Möglichkeiten zu investieren, wäre eine wirkungsvolle Form des Engagements. Hierauf werden wir uns
auch seitens der OECD fokussieren.